"Der Weg in die Schule oder den Kindergarten kann ein Weg ins Leben sein."

"Fußwege in die Schule oder in den Kindergarten müssen sicher und abwechslungsreich und dürfen auch nicht zu lang sein", sagt der Schweizer Sozialwissenschaftler Dr. Marco Hüttenmoser. Dann können Kinder viel in der Natur entdecken. Werden Kinder dagegen ständig mit dem Auto gefahren, verlieren sie den Kontakt zur Umwelt. Der 77-Jährige leitet die Forschungs- und Dokumentationsstelle "Kind und Umwelt" in Muri AG in der Schweiz.

27.03.2020

"Der Zwang die Kinder über Jahre hinweg an die Hand zu nehmen führt zu Unselbstständigkeit und zugleich zu gegenseitiger Abhängigkeit. Das Endprodukt sind Helikoptereltern und das Elterntaxi." Marco Hüttenmoser
"Zwei Kinder gehen zu Fuß in die Schule: In der Zeichnung werden viele Details festgehalten. Etwa die verschiedenen Typen von Häusern, Bäume entlang der Straße usw." Marco Hüttenmoser
"Spielende Kinder auf dem Schulweg sind unvermeidbar. Freundschaften pflegen, Konflikte selbstständig lösen sind wichtig." Marco Hüttenmoser
"Bäume, Wiesen, Schwäne, bunte Herbstblätter säumen den Weg der zu Fuß gehenden beiden Kinder." Marco Hüttenmoser
"Gestresst von den vielen Kurven auf der Fahrt in die Schule. Man kann davon ausgehen, dass es dem Kind im Auto nicht selten schlecht wird." Marco Hüttenmoser
Der Zusammenhang zwischen der Fahrt in die Schule und der Wahrnehmung des Kindes von der Umwelt wird in der Zeichnung sehr deutlich. Vom Schulweg bleibt nichts außer schwarzen Straßen.

Was braucht es aus ihrer Sicht, damit Kinder sicher selbstständig unterwegs sein können?

Damit Kinder sicher selbstständig unterwegs sein können, braucht es im Wesentlichen drei Dinge:

Erstens müssen bereits kleine Kinder die Möglichkeit haben, sich unbegleitet im Wohnumfeld und auf Spielstraßen zu bewegen und mit anderen Kindern spielen zu können. Das fördert die grundlegenden motorischen und sozialen Fähigkeiten sowie die Selbstständigkeit. Fähigkeiten, die Kinder brauchen, um später eigenständig in den Kindergarten und die Schule gehen zu können.

Zweitens müssen diese Wege sicher und abwechslungsreich und dürfen auch nicht zu lang sein. Dafür ist die Gemeinde zuständig.

Die Eltern müssen drittens bereit sein, ihre Kinder loszulassen und deren neu gewonnene Selbstständigkeit zu unterstützen. Nach einer ersten kurzen Zeit der Begleitung zu Fuß sollten die Kinder allein, am besten mit Kameraden aus der Nachbarschaft, in den Kindergarten und die Schule gehen. Die Kinder wollen dies auch.   

 Was bringt es (dagegen) Kindern, wenn sie zu Fuß unterwegs sind?

Der zu Fuß begangene Weg ist für Kinder ein Weg ins Leben. Er ist voller Entdeckungen in der Natur und der gebauten Umwelt. Die Kinder sind dabei auf sich selbst gestellt und müssen in der Schulweggruppe entstehende Konflikte eigenständig lösen. Sie wollen dies auch, damit sie ihre Schulwegkameraden nicht verlieren.

Die Begleitung durch Erwachsene zu Fuß ist zwar gut, solange große Gefahren bestehen. Sie verhindert aber das eigenständige Lernen im Umgang mit dem Straßenverkehr und anderen Gefahren. Der Prozess der Loslösung wird aufgrund einer allzu engen Bindung an die Mutter oder an den Vater wesentlich verzögert.

Wird ein Kind ständig mit dem Auto, festgeschnallt auf dem Rücksitz transportiert, verliert es den Kontakt zur Umwelt, zur Natur und zu anderen Kindern. Schulwegzeichnungen zeigen dies eindrücklich.
Marco Hüttenmoser

Laut einer Befragung 2017 in allen Vorarlberger Volksschulen gehen 67 Prozent der Sechs- bis 12-Jährigen zu Fuß in die Schule, 18 Prozent nehmen die Öffis und 12 Prozent werden mit dem Auto gefahren. Das bedeutet für eine Schule mit  300 SchülerInnen ca. 35-40 Autos jeden Morgen. Was für Folgen hat das motorisierte Elterntaxi für die Sicherheit und die persönliche Entwicklung der Kinder? Und ist nicht anzunehmen, dass im Zuge der Corona-Krise die Zahl der Elterntaxis zunehmen wird?

Was die Situation vor dem Kindergarten oder Schulhaus betrifft, so hat die Gemeinde die Pflicht, in baulicher Hinsicht Maßnahmen zu ergreifen. Schulen sind in diesem Sinne ein „Geschäft“ und sie sind verpflichtet, für ihre Kunden zu sorgen. Zumindest für jene Eltern, die auf das Auto angewiesen sind, weil der Weg für die Kinder zu gefährlich oder zu lang ist. Mein Vorschlag ist, für diese Eltern einen Raum kennzuzeichnen mit dem Vermerk „Anhalten und Aussteigen mit Bewilligung erlaubt“. Die Eltern müssten ihre Fahrten begründen. Ob Coronakrise oder nicht, sofern die Kinder überhaupt in die Schule gehen, können sie dies zu Fuß tun.

Gleichzeitig müssen die Eltern darüber informiert werden, was es für die Kinder bedeutet, mit dem Auto in den Kindergarten oder die Schule gefahren zu werden: Wird ein Kind ständig mit dem Auto, festgeschnallt auf dem Rücksitz transportiert, verliert es den Kontakt zur Umwelt, zur Natur und zu anderen Kindern. Schulwegzeichnungen zeigen dies eindrücklich.

Sind Projekte wie die Vorarlberger Schoolwalker (Schulwegausweise mit gesammelten Aufklebern für Schulwege) sinnvoll, um Kinder zu motivieren?

Ich kenne dieses Projekt selbst nicht. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die Kinder selbstständig in die Schule gehen sollten und  - sobald sie den Weg gut kennen - auch die Möglichkeit haben müssen, Umwege zu machen, um Freunde nach Hause zu begleiten oder spontanen Entdeckungen in der Natur nachzugehen. Bei einer allzu engen Wegleitung etwa verkehrserzieherischer Art laufen die Kinder Gefahr, Scheuklappen zu entwickeln.

"Der Zwang die Kinder über Jahre hinweg an die Hand zu nehmen führt zu Unselbstständigkeit und zugleich zu gegenseitiger Abhängigkeit. Das Endprodukt sind Helikoptereltern und das Elterntaxi." Marco Hüttenmoser
"Zwei Kinder gehen zu Fuß in die Schule: In der Zeichnung werden viele Details festgehalten. Etwa die verschiedenen Typen von Häusern, Bäume entlang der Straße usw." Marco Hüttenmoser
"Spielende Kinder auf dem Schulweg sind unvermeidbar. Freundschaften pflegen, Konflikte selbstständig lösen sind wichtig." Marco Hüttenmoser
"Bäume, Wiesen, Schwäne, bunte Herbstblätter säumen den Weg der zu Fuß gehenden beiden Kinder." Marco Hüttenmoser
"Gestresst von den vielen Kurven auf der Fahrt in die Schule. Man kann davon ausgehen, dass es dem Kind im Auto nicht selten schlecht wird." Marco Hüttenmoser
Der Zusammenhang zwischen der Fahrt in die Schule und der Wahrnehmung des Kindes von der Umwelt wird in der Zeichnung sehr deutlich. Vom Schulweg bleibt nichts außer schwarzen Straßen.